Hamburger Straßenfest

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Nun denn, im Kalender mit den Gipfeln lässt sich ein weiteres Häkchen machen: 2017, Hamburg. Weil Geschichte aber erfahrungsgemäß gemacht wird und dieses Machen nie endet, setzt sich auch die Geschichte des G20 fort. Der Nachhall hört nicht auf zu hallen … und es ist an uns weiterhin mehr als Fußnoten zu schreiben.

Die Echos kommen in verschiedenen Tonhöhen daher: Lobpreisungen, Resümees, Distanzierungen, Erlebnisse, Beurteilungen, Einschätzungen, zu Kreuze kriechen/vom Kreuze hüpfen, Vorhersagen, Fazite, Bejubelungen und Kritiken- die Bandbreite des Spektrums, dass sich in den oft feurigen Juli –Tagen auf Hamburgs Straßen rumtrieb, bildete sich in Texten danach umfassend ab.

Eine rätselhafte Atemlosigkeit hierbei hat uns allerdings irritiert: Die letzten auswärtigen Wasserwerfer waren noch nicht ganz aus der Stadt gerollt, da wurden schon die ersten Statements rausgehauen und auch der Flyer zum ersten Film über den Gipfel lag bereits auf der St. Pauli Stadtteilversammlung rum – zehn Tage nach dem Gipfel!

Immerhin gingen die brunzdummen Zahlenspielchen nicht mehr weiter. Vorab wurde von einzelnen “unserer“ Seite der größte schwarze Block seit Erfindung der Rades angekündigt, während die Armee der Bullen von selbigen elegant untertrieben wurde.

Hiermit aber eingestanden: Auch wir haben mit den Hufen gescharrt, um die eigene Post-Gipfel-Wortmeldung reinzureichen. Schwer halt die Eindrücke, nachhaltig das Erlebte; nachvollziehbar, dass da das Mitteilungsbedürfnis nur so brodelt. Wir ließen die heiße Nadel dann doch lieber abkühlen, bevor wir was gestrickt hätten, was hinterher niemanden passen würde.

Aber: Der Gipfel dahoam war auch für uns etwas, dass durch seine wunderbare Wucht und die internationale Bandbreite etwas wie – wie sagen es die Anderen? – “ein neues Level“, “eine neue Dimension“, “ein ungeahntes Ausmaß??; egal, eben für alle, die da waren (so oder so), unvergesslich bleiben wird. Für deine Freundinnen und Freunde der AI sei angemerkt, dass wir fast alles was lief, den Protest und den Widerstand wichtig und in all seinen Ausdrücken und Formen unbedingt richtig fanden; egal, ob es nun “Aufstand“, “Riot“ oder schlicht “Ansage“ betitelt wird.

Seit längerem gibt es von ein, zwei Anderen ein, zwei ausführlichere Papiere, die wir größtenteils unterschreiben können (z.B. das hier: https://crimethinc.com/2017/10/24/dont-try-to-break-us-well-explode-der-g20-2017-in-hamburg-umfassender-bericht-und-analyse), weshalb wir den eigenen Senf schön im Töpfchen lassen konnten, und uns erst mal der Nachbereitung unserer Bücher. Bildung. Barrikaden.-Veranstaltungswoche vor dem Gipfel gewidmet haben. (Programm zum nachlesen liegt im Archiv).

Da eventuell noch etwas Ausführlicheres von uns kommen wird (guter Vorsatz …), gibt es erst mal ein Vorab-Häppchen.

Ideen und Zweck für die Woche hatten wir ungefähr so gelistet:

1. An die verschiedenen Anti-Gipfel-Aktivitäten, die hauptsächlich im Praktischen angesiedelt waren, eine inhaltliche Woche anbauen. Wir finden das eh’ keine schlechte Idee; Großdemos mit angeschlossener Konferenz, Konferenz, die in eine Demo mündet? Sollten wir mal drüber reden.

2. Weil die Großchance bestand, dass Leute an irgendwelchen Grenzen von irgendwelchen Bullen, irgendwohin zurückgeschickt werden würden, gab es die Empfehlung nicht direkt zum Gipfel, sondern früher anzureisen. Eine Veranstaltungswoche für auswärtige Early Birds und die Locals? Wir fandens eine gute Ergänzung.

3. Da fast alle unserer Referentinnen und Referenten dem Ruf des Gipfels folgend sowieso nach Hamburg gekommen wären, war es naheliegend, sie vorab für Vortrag, Workshop oder eine Lesung einzuladen. Fanden alle gut, waren alle dabei und so wurde unsere Veranstaltungswoche sogar eine internationale. Das wäre zu einer anderen Zeit viel aufwändiger und auch teurer geworden.

4. Unser Dauergutervorsatz ist es, Anarchismus auch außerhalb der gemütlichen Szene-Suppe aufs Tablett zu bringen. In der Brühe lässt es sich erwiesenermaßen entspannt rumpaddeln, aber über den Tellerrand rüber gibt es noch eine ganze Menge zu bewegen. Und nein, dass bedeutet nicht, legalistisch oder gar mitgestaltend zu werden. Und noch mal nein, das bedeutet auch nicht, Türen für Koalitionen mit irgendwelchen Arschgesichtern aufzumachen. Und dreimal nein, es bedeutet erst recht nicht von der Feindschaft gegenüber Staat, Nation und Kapitalismus oder gar der direkten Aktion nur einen Deut abzurücken. Agitation! Oder um einfach mal Bartolomeo Vanzetti zu bemühen: Anarkista müssen machen Propaganda. So sieht es aus. Der Plan lautete ergo auch, über die üblichen Verdächtigen hinaus, den Interessierten was anzubieten. Die Veranstaltungen waren dann mit zwischen 30 und 100 Leuten gut besucht, was das Erreichen derer hinter dem Tellerrand angeht, so war da noch Luft nach oben.

Mag sein, dass die Themen doch zu speziell waren. Vielleicht wirkte sich unsre Auswahl der üblichen Locations in den üblichen Vierteln bremsend aus. Möglich auch, dass die Stimmung in der Stadt, die, je näher der Gipfel vor der Tür stand, immer hysterischer wurde und so die Motivation zu Vorträgen zu gehen verpuffte.

Hätte, hätte, Fahrradkette. Netto sind wir zufrieden und da wo nicht lernen wir daraus.

Und dann ist da noch die Repression.

Wenn wir heute über die Repression um den G20 Gipfel in Hamburg 2017 reden, so müssen wir zweierlei vorab schicken.

Zum einen und das ist wichtig: Die Repression fand nicht nur während und nach dem Gipfel statt, sie begann lange vor den Tagen im Juli. Zum anderen waren die Proteste, von der Sitzblockade bis zum Krawall, so vielfältig, wie die Menschen, die in die Stadt gekommen waren. Gejagt und getroffen wurden alle; ob sie die SPD-nahen Falken in ihrem Bus auseinanderschraubten (und ihre Handys auslasen), oder ob sie vermeintliche oder tatsächliche, egal, Militante mit Hausdurchsuchungen aufgrund dünnflüssiger oder phantasierter, egal, Anschuldigungen belästigten. Der Apparat hatte, wie üblich und so auch hier, zwei Hände. Die eine um Superdemokraten, NGOs und zärtlichen Systemreformern übers Haar zu streichen und die andere, um den Nicht-Superdemokraten, den AGOs ( = Anti Goverment Organisations) und den wütenden Systemabschaffern ins Gesicht zu schlagen: Ihre Repression hatte für alle was in im Schrank. Während der Bürgermeister fest der Ansicht war, dass die Autokraten-Party sich nicht von einem durchschnittlichen Volksfest unterscheiden würde und von einem “Festival der Demokratie“ schwadronierte, kläffte sein Einsatzleiter davon, dass das gesamte Arsenal polizeilicher Einsatzwaffen zur Verwendung bereit stände.

Was, wie oben bereits erwähnt, nicht ganz richtig war, weil sein Arsenal lange vor dem Juli im Einsatz war. Der von Andreas Blechschmidt während unserer Veranstaltungswoche gehaltene Vortrag “Gipfel in Hamburg – der Gipfel der Repression?“ ließ nicht nur unsere Ohren schlackern, was da so zu Lande, zu Wasser und der Luft Perfides längst im Einsatz war. Die Schergen vibrierten nicht in Vorfreude, sie waren längst in ihrem Programm. Amüsanterweise war ausgerechnet diese Veranstaltung am offensichtlichsten mit Plattfüßen bestückt. Dachten sie vielleicht, dass sie bei uns was Neues über sich erfahren würden?

Der Apparat also janusköpfig. Eine üble Koalition aus Bürgertum, Bullen diverser Ränge, willfähriger Presse und Senat blies gemeinsam ins Horn um Antigipfel Aktivitäten möglichst schon im Vorfeld zu kriminalisieren, zu delegitemieren, auszubremsen oder zumindest zum dekorativen Feigenblättchen zurechtzustutzen.

Selbst wenn wir wollten, es ist schwer möglich die Repression um den Gipfel herum komplett abzubilden. Es gibt verschiedene Veröffentlichungen, die das bisher Geschehene behandeln – aber auch die Repression hallt nach … Was wir im Folgenden versuchen, ist es ein paar Beispiele von Repression aufzuzeigen, die es neben den Klassikern, Knüppel, Pfeffer, Hausdurchsuchung, Gefährderansprachen, Grenzkontrollen, Überwachung und Zelle außerdem gab.

Wir werden hier nichts bewerten, uns liegt daran die Teile ihrer Tastatur rauszustellen, die manchmal durchrutschen, nichtsdestotrotz die angemessene Aufmerksamkeit und Widerstand brauchen. Gut gefallen hat uns in diesem Zusammenhang die umgehende Veröffentlichung von Bullenfotos als Reaktion auf die von der Polizei arrangierte Menschenjagd auf AktivistInnen über die Medien. Nur mal so als Beispiel.

Verzögern: Aus unserer Sicht war das hin und her um die Camps ein kalkulierter Kraft- und Kapazitätenfresser. Die zu erwartenden Zehntausenden brauchten natürlich Schlafplätze. Angedacht waren mehrere Camps um die Leute alle unterbringen zu können. Die geforderten Orte hierfür wurden senatsseitig mit absurden Begründungen verweigert oder Entscheidungen soweit nach hinten gelegt, dass eine seriöse Planung unmöglich war. Das angedachte Heiligengeistfeld musste ganz dringend während des Gipfels umgebaut werden, der Stadtpark ging auch nicht, weil der Rasen hätte leiden können. Die Kaution für die geforderten Dixieklos für die “Welcome to Hell“ Kundgebung war auf einmal höher als der Kaufpreis und zu kaufen gab es plötzlich auch keine mehr.

Ihre Rechnung war recht simpel: Solange rumeiern, bis sich die Leute dreimal überlegen nach Hamburg zu kommen, ohne zu wissen wo sie die Isomatte ausrollen können. Erfreulicherweise flog ihnen dieser Plan heftig um die Ohren. Die Tausenden kamen zu tausenden, machten aus den Grünflächen u.a. von Kirchen international besetzte Widerstandscamps, das Schauspielhaus öffnete die Türen, von den hunderten von Wohnungen ganz zu schweigen. Es entstand ein über die ganze Stadt verteilter Flickenteppich von Unterbringungen, der für die Bullen wesentlich schwieriger zu kontrollieren war als die zwei geplanten großen Camps. Ein schöner Beleg für die Effizienz von Dezentralität! Danke dafür ihr Arschkrampen, wäre nicht nötig gewesen, DAS wussten wir schon vorher! Es war nun schön zu sehen, wie die Camps nur so sprießten und nachdem sie das mehr oder weniger legale Camp in Entenwerder auseinandergeprügelt hatten (und nebenbei zeigten, dass sie wirklich einen Scheiß auf Gerichtsurteile gaben), wollten sie sich wohl nicht noch unbeliebter dadurch machen, dass sie auch noch Kirchengärten überfielen.

Drohen: Menschen die darüber nachdachten Konvois, beispielsweise des amerikanischen Präsidenten zu blockieren, wurden durch nach Action lechzende Titelseiten darauf hingewiesen, das Trumpens Karre ein unstoppbarer Panzer sei und die Waffen seiner Begleiter sehr locker sitzen würden.

Verzögern: Monate vor dem Schaulaufen der Autokraten und ihrer demokratischen Peergroup wurde mit so genannten Zonen in der Innenstadt jongliert. In unterschiedliche Farben getaucht, wurden ihre Grenzen betont laaangsam definiert; ewig unklar, welche Zone wo war und welche Farbe was bedeuten sollte. In einer war dann jegliches menschliche Wesen, außer den Füllungen der Staatskarossen, deren Bodyguards und eine Kollektion Bullen, untersagt. In einer weiteren waren, wenn wir es recht erinnern, zivile Personengruppen bis drei Personen gestattet usw.

Diese Nummer schlug sich auch auf unsere Veranstaltungswoche nieder. Für jeden Tag hatten wir unterschiedliche Locations, bei denen lange nicht klar war, ob sie in einer der Zonen liegen würden, ob die Bullen die Läden dicht gemacht hätten, unsere Besucher belästigt hätten und was sie sonst noch gerne machen.

Stimmungsmache: Zwei Razzien bei Irgendwem irgendwo belegten irgendwie, dass da Waffen gehortet wurden und der Sammler derselben, na klar, Gipfelgegner war, der sein Arsenal nach Hamburg tragen würde, um so richtig auf die Tonne zu hauen. Um auch wirklich dramatische Bilder zu garantieren, wurde der ganze Quatsch auf eine Fahne drapiert, auf der neben diesem und jenem auch Messer und Baseballschläger präsentiert wurden. Gerätschaften, die eher Reichsbürgern oder Hools zugerechnet werden können. Wir selbst zumindest waren nie mit einem Baseballschläger demonstrieren und können versichern, diese bisher nur im Fernsehen gesehen zu haben.

Eklig: Fast, aber auch nur fast, lustig die Homestories über die extra zum Gipfel errichtete Gefangenensammelstelle. Ein Gebäude, wie es deutscher kaum sein kann: Erst ein Baumarkt, dann eine Flüchtlingsunterkunft und final eine Gesa. Da kommt der Journalist doch gerne zum probeliegen.

Drohen: Die seit Jahrzehnten zu allen möglichen Anlässen gerne an die zitternde Wand gemalten “Auswärtigen“. Mindestens eine Armee von blutdürstigen Barbaren, die für jede gewünschte Grenzkontrolle herhalten müssen.

Rechenspielchen: Die Bullen gaben an mit 25.000 Beamten anzutreten. Was bedeutet hätte, dass diese 25.000 Bullen zwei Tage Nonstop im Einsatz gewesen wären. Das hätte man ihnen sicherlich angesehen. Nach dem Gipfel wird dann mit der realistischeren Zahl von 32.000 rausgegangen.

Nebel: Wenn überhaupt dann nur diffuse Angaben über die sonstigen, äh, Ordnungskräfte, Geheimdienste, von den jeweiligen Befehlsketten ganz zu schweigen. Spiegelte sich auch in der Luft über Hamburg ab: Rappelvoll mit Hubschraubern, ein paar gekennzeichnet, die meisten aber nicht.

Drohen: Ein sowohl harmloses wie altes Interview gilt als ausreichender Grund für eine mit großem Besteck durchgeführte Razzia. Die sich nur in der hechelnden Vorabberichterstattung gut machen sollte.

Korrektur: Die Schüsse, die ein Zivilbulle während der Antigipfelaktivitäten abgibt, werden schleunigst aus diesem Zusammenhang gerissen um dann irgendeine hanebüchene Dealerstory daraus zu biegen.

Übertreten: In der Gefangenensammelstelle werden Anwälte nicht zu ihren Mandanten gelassen, einige werden sogar geprügelt. Die Gefangenen bekommen nur zufällig was zu essen, außerdem wird Schlafen durch das häufige Licht an/Licht aus Spielchen unmöglich gemacht.

Drohen: Während des Gipfels fährt einer von diesen riesigen Militärlastern am Rande des Schanzenviertels längs. Jetzt auch noch Einsatz der Bundeswehr im Inneren? Neinnein, der Parkplatz in der Kaserne war einfach zu voll, deshalb musste die Schüssel bei einer anderen Kaserne hingestellt werden. Puh, wir dachten schon.

Empörung (im Rahmen des Grundgesetzes auf freie Meinungsäußerung): Irgendwie-People. Ortsansässige, die so einen Gipfel schon ganz schick finden, kann sich doch ihr piefiger Wohnort als quasi zertifizierte Weltstadt präsentieren. Als solche gehört selbstverständlich auch Protest dazu. WENN ER AUF DEM BODEN DER FDGO BLEIBT, VERSTANDEN, ODER WOLLT IHR AN DEN KNÜPPELN SCHNUPPERN? So auch die zweite Bürgermeisterin (Grüne), die vor dem Gipfel mit viel Pipi in den Augen vom Gipfel als ihrer persönliche Herzensangelegenheit sprach, der während des Gipfels dämmerte, dass da sich ein Haufen Blutsäufer und Quartalsirrer versammelte, deren Versammlung von ihrer Polizei mit allem, was so in den Kasernen rumlungert, durchgeprügelt wurde. Irgendwie fand sie das doch nicht ganz so demokratisch-weltstadtmäßig, so dass sie sich mit den anderen erbärmlichen Parteimitgliedern ihrer erbärmlichen Partei und anderen erbärmlichen Vollpfosten zu einer Demo unter dem erbärmlichen Motto “Hamburg zeigt Haltung“ traf. Ihre Demonstration startete eine halbe Stunde vor der eigentlichen Großdemo, das Fronttransparent war auf nicht billiger Plane gedruckt und zu guter Letzt war der dauergrinsende (weil Haltung zeigend) Zombie Aufmarsch aus Töpfen der Hamburg Marketing bezahlt. Geht es noch besser? Echt nicht.

Nachhall: Für die Sachschäden und abgefackelten Karren wird bereits ein paar Tage nach dem Gipfel ein fürstlich bestückter Entschädigungsfond installiert. Für ein Land, das Reparationszahlungen jahrelang aussitzt bis auch wirklich die meisten, die entschädigt werden müssen, gestorben sind, ungewohnt flott. Geht ja aber auch um Autos und Schaufenster, insofern.

Nachhall: Sicherheits- und Überwachungstechniken wurden vorher massiv ausgebaut. Und weil das Zeug schon mal da ist, wird es großenteils einfach hängengelassen. Selbiges auch im Gesetzbuch, verschärft werden u.a. Gewalt gegen Beamte, Knast gibt es schon für nur Teil einer vielleicht, vielleicht aber auch nicht, ev. gewalttätigen Demo zu sein. Prozesse wegen Grimassenschneiden beim Fotomachen oder das Einnehmen der Embryonalhaltung beim von der Polizei verprügelt werden.

Nachhall: Aktivbürger. Eine der ganz wenigen Gründe für die Ausrichtung kommender Gipfel in entlegenen Gebieten ist, dass diese Typen (außer vielleicht einem Förster) da nicht rumlaufen. In der Stadt sind sie leider vertreten und zeichneten sich auch in Hamburg durch Attacken, Denunziationen und eifriges Filmchenmachen aus. Neu und lustig war, dass eine eher defensiv eingestellte Abteilung Aktivbürger direkt nach dem Gipfel in die Schanze und St. Pauli einfiel, um die – im Ernst! – “aufzuräumen“. Ein paar Hundert um den Ruf der Stadt doch sehr besorgte Mitmenschen aus den Randbezirken mit Schrubber, Schaufel und Kehrblech, die die Bürgersteige feudelten, über dreißig Jahre alte Graffitti abpulten und Kippen einzeln aus den Grünstreifen sammelten. Wenn es davon keine Fotos gäbe, wir würden das nicht selber glauben. Nicht unerwähnt sollte sein, dass die Initiatorin der ganzen Chose einen Preis für aktives Mitbürgertum bekommen hat. Wir finden zurecht, wenn überhaupt, dann die. Glückwunsch von unserer Seite!

Nachhall: Eine über 170-köpfige (!) Sonderkommission mit dem wahnsinnig originellen Namen “Schwarzer Block“ wird installiert. In der direkt nach dem Gipfel einsetzenden Jagdstimmung, die nach vielen Verhaftungen, vielen Verfahren mit viel harten Urteilen schreit, bekommt sie ein saftiges Budget und keine zeitliche Begrenzung. Wenn das tatsächlich so läuft wie befürchtet, haben wir die Typen Jahrzehnte lang hier rumlungern. Was egal sein könnte, wenn diese Soko ihre erbärmliche Existenz nicht irgendwie legitimieren müsste. Denn, eigentlich erfreulich, sind die Erfolge bisher sehr dürftig; was sie aber auch unter einen Erfolgsdruck stellt, der zu überzogenen, blindwütigen Maßnahmen führen wird. Bisher unterstreichen sie den Sinn und die Relevanz dadurch, dass sie tausende von Filmchen auswertet, die sie von Aktivbürgern auf eine eigens eingerichtete Denunzianten-Plattform gelegt bekommen haben. Und weil ihnen von verwackelten Handyaufnahmen von dunkel gekleideten Vermummten bei Nacht ganz schwummerig im Kopf wird, haben sie die Aufnahmen verschiedener Fernsehsender und Zeitungen angefordert. Bei einigen von diesen kleben wohl noch Reste von Pressekodex an der Tastatur und sie haben nichts rausgetan. Andere gefallen sich umso mehr als zuliefernde Büttel der Staatsmacht, so hat zum Beispiel n-tv nicht nur ihr gesendetes, sondern oben drauf auch das ungesendete Material willfährig zur Verfügung gestellt. Ein Sprecher der RTL Mediengruppe, unter der auch n-tv angesiedelt ist, bringt es schön auf den Punkt. O-Ton: “Wenn vermeintliche Straftaten vorliegen, erachten wir es als unsere Pflicht, die Behörden zu unterstützen.“ Schon klar, war deutlich. Wir haben verstanden.

Nachhall: Die Antirepressionsarbeit läuft – wie wir es sehen – gut. Die Gefangenen, die wollen, werden begleitet, es gibt fast an allen Verhandlungstagen Kundgebungen vor den jeweiligen Gerichten und einmal pro Monat einen Spaziergang zum Knast Billwerder mit Musike und Kuchen. Zu aktuellen Aktivitäten siehe auch: https://unitedwestand.blackblogs.org/

Soweit so unvollständig. Wir würden uns freuen, wenn wir mit dieser Auswahl zu dem einen (oder auch den anderen) Denkanstoß geholfen haben, damit sich in Zukunft auch den nicht so ganz eindeutigen Formen der Repression gewidmet werden kann. In diesem Sinne! Wir sehen uns auf der Straße (oder bei REWE).